"Das Image der französischen Atomindustrie hat einen historischen Tiefpunkt erreicht“, so Paul Dorfman vom University College London (UCL) Energy Institute in einem Interview mit der französischen Presseagentur AFP.

EDF: Herstellungsfehler bei Dampferzeugern - Image der französischen Atomindustrie auf historischem Tiefpunkt

(SDA) An mehreren Teilen, die in mindestens fünf französischen AKW verbaut sind, wurden Herstellungsfehler festgestellt, nun werden kostspielige Abschaltungen befürchtet. EDF teilte am 10.9.19 mit, dass seine Tochter Framatome bei Arbeiten „an bestimmten Schweissnähten von Dampferzeugern“, grossen Bauteilen von Atomkraftwerken, bei der Herstellung vorgegebene Verfahren nicht eingehalten hat. (Texte en français >>)


Dampferzeuger sind riesige Anlagen, die als Wärmetauscher zwischen dem Wasser des Primärkreislaufs und dem des Sekundärkreislaufs dienen. Dieses Wasser verdampft und treibt dadurch die Turbine an, die wiederum Strom erzeugt.

Zirka zwanzig Dampferzeuger betroffen
Nach Angaben der französischen Behörde für nukleare Sicherheit (Autorité de sûreté nucléaire, ASN), sind „möglicherweise zirka zwanzig Dampferzeuger betroffen, die ab 2008 bei Framatome hergestellt wurden". Da dieser Fehler erst kürzlich bei Tests des Unternehmens festgestellt wurde, ist die Liste allerdings noch nicht vollständig. Von den insgesamt 58, von EDF betriebenen Atomkraftwerken sind „mindestens fünf von diesem Problem betroffen“, erläuterte Bernard Doroszczuk, Leiter der Behörde, am Donnerstag in der französischen Tageszeitung Le Figaro. Er kündigte ferner an, die Behörde könne „vorbeugende Massnahmen bis hin zur Abschaltung der Reaktoren ergreifen, falls dies erforderlich sein sollte.“

Folgen dieser „bösen Überraschung“
Die ASN kann aus Sicherheitsgründen jederzeit die Abschaltung eines Reaktors anordnen. 2017 hatte sie für die Dauer der Durchführung von Arbeiten im Werk vorübergehend die vier Reaktoren des Atomkraftwerks Tricastin (Drôme) ausser Betrieb nehmen lassen; EDF musste in der Folge seine Finanzziele nach unten korrigieren. Diese Woche fragen sich die Analysten, welche Auswirkungen diese „böse Überraschung“ haben wird, in deren Folge weniger Strom aus Atomkraft erzeugt werden könnte als vorgesehen.

Die beiden Reaktoren in Flamanville stehen unter "verschärfter Beobachtung"
"Für die Reparatur (...) sind möglicherweise umfangreiche Abschaltungen erforderlich", meint Tancrède Fulop, Analyst bei Morningstar. "Falls die Abschaltungen in den nächsten Wochen erfolgen, könnten sie erhebliche negative Auswirkungen auf das diesjährige Ergebnis haben, da EDF dann Strom zu hohen Preisen auf dem Markt einkaufen müsste." Ausserdem hat die ASN am Mittwoch in dieser ohnehin schon unruhigen Woche mitgeteilt, dass sie das Atomkraftwerk Flamanville – die beiden in Betrieb befindlichen Reaktoren, aber nicht den EPR-Druckwasserreaktor im Bau – unter "verschärfte Beobachtung" gestellt hat, da sie damit rechnet, dass EDF dort mit Problemen konfrontiert sein wird.

Image der französischen Atomindustrie an einem Tiefpunkt
"Das Image der französischen Atomindustrie hat einen historischen Tiefpunkt erreicht“, so Paul Dorfman vom University College London (UCL) Energy Institute in einem Interview mit der französischen Presseagentur AFP. „Aufgrund der nun einmal vorhandenen Risiken müsste die Atomindustrie zeigen, dass sie sicher, verlässlich und vertrauenswürdig arbeitet. Aber leider ist das nicht der Fall“, fügt der Atomkraftkritiker hinzu.

Die jüngsten Ereignisse sind ein weiterer harter Schlag für eine Branche, die seit Jahren mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen hat, von mehreren Verzögerungen beim Bau des EPR in Flamanville (Département Manche) bis hin zum Skandal um Unregelmässigkeiten bei der Herstellung von Bauteilen im Framatome-Werk Creusot Forge.

„Gute Nachrichten“ aus China
Immerhin gab es am vergangenen Wochenende auch eine gute Nachricht für EDF, wenn auch aus dem Ausland: Ein zweiter EPR wurde von EDF und seinen chinesischen Partnern in Taishan (China) in Betrieb genommen.

In dieser schwierigen Situation denkt man bei EDF über ein Umstrukturierungsprojekt für das Unternehmen nach: Das Projekt „Hercule“ soll Ende des Jahres der französischen Regierung vorgestellt werden. Der Staat würde weiterhin 100 % an „EDF Bleu“ behalten (in diesem Teilunternehmen würden insbesondere Atomkraft und Wasserkraft zusammengefasst), während „EDF Vert“ mit allen weiteren erneuerbaren Energien, dem Versorgungsnetz bzw. der kommerziellen Sparte teilweise an die Börse gehen soll.

Dahinter steht die Idee, die Finanzierung der erforderlichen, sehr umfangreichen Investitionen im Atombereich sicherzustellen und gleichzeitig die anderen Geschäftsbereiche auszubauen. Das Vorhaben trifft jedoch bei den bei EDF vertretenen Gewerkschaften auf einhellige Ablehnung. Diese haben ihre Mitglieder bereits gegen die Rentenreform mobilisiert und für den 19. September zu einem gemeinsamen Streik aufgerufen.

©Text: Keystone-SDA

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