Entscheidend ist, dass Rechenzentren und Cloud-Dienstleister eine Berichtspflicht in Form eines Energieausweises auferlegt bekommen. Mit den Daten kann der CO2-Fussabdruck pro Serviceeinheit errechnet werden.

Öko-Institut: Rechenzentren, die unterschätzte Klimagefahr - Energiebilanzen bald für Rechenzentren verpflichtend?

(ee-news.ch) Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Öko-Instituts haben zusammen mit Projektpartnern eine Methode entwickelt, mit der sie die Effizienz und den CO2-Fussabdruck von Rechenzentren einheitlich berechnen können. Neu ist, dass die Berechnungen erstmals mit realen Zahlen aus Rechenzentren im laufenden Betrieb durchgeführt werden konnten. Das ist wichtig, da die energieintensiven Datenumschlagsplätze immer noch nicht verbindlich über ihre Energiebilanzen berichten müssen.


Durch die Messung in Rechenzentren wurde die Methode in der Praxis angewendet und als Beispiele folgende CO2-Fussabdrücke ermittelt: Eine Stunde Videostreaming verursacht im Rechenzentrum 1.45 Gramm CO₂-Äquivalente. Online-Speicher benötigen für ein Terabyte Speicherplatz pro Jahr 100 bis 150 Kilogramm CO2 und ein Office-Arbeitsplatz in der Cloud führt zu Treibhausgasemissionen in Höhe von 59 Kilogramm pro Jahr.

Einheitliche Energiebilanzierung in der EU
Das deutsche Umweltbundesamt hatte das Forschungsprojekt „Green Cloud-Computing“ beauftragt, dessen Ergebnisse die deutsche Bundesumweltministerin Svenja Schulze am 10. September vorgestellt hat. Die einheitliche Energiebilanzierung von europäischen Rechenzentren wird bewusst während der EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands thematisiert. Klimaschutz und Digitalisierung gelten als deren Schwerpunkte.

„Green Cloud-Computing“ - politische Handlungsempfehlungen

1. Die Umweltwirkungen von digitalen Infrastrukturen sind nicht vernachlässigbar und müssen sichtbarer werden:

  • 1.1. Für Rechenzentren soll ein verbindlicher Energieausweis eingeführt werden, der Auskunft über deren Energieverbrauch und Leistungsfähigkeit gibt. Durch die Sammlung dieser Informationen in einem zentralen Rechenzentrumskataster kann der zukünftige Ausbau besser geplant und gefördert werden.

  • 1.2. Cloud-Dienstleistungen sollen mit einem CO2-Fussabdruck pro Serviceeinheit(z.B. pro Stunde, pro Jahr) Auskunft über ihre Umweltwirkungen geben. Durch die Schaffung dieser Markttransparenz werden Cloud-Anbieter dazu motiviert, besonders klimafreundliche Dienstleistungen anzubieten.

  • 1.3. Die Betreiber von Telekommunikationsnetzen (Breitband, Telefon, Mobilfunk) sollen ihr Angebot mit einem CO2-Fussabdruck pro Übertragungseinheit kennzeichnen. Dadurch erhalten Kunden*innen die Möglichkeit, besonders klimafreundliche Übertragungswege zu bevorzugen.

2. Wir wollen Energieeffizienz und Ressourcenschutz beim Ausbau von Breitband- und Mobilfunknetzen:

  • 2.1. Beim Breitbandausbau ist dem Ausbau von energieeffizienten Glasfasernetzen bis zum Endverbraucher klar der Vorzug gegenüber anderen Übertragungstechnologien zu geben.

  • 2.2. Der Ausbau von Mobilfunknetzen soll schlank und ressourceneffizient erfolgen, mit reduzierter mehrfacher Funkabdeckung der gleichen Regionen durch unterschiedliche Anbieter. Dazu sollen für Mobilfunknetze einheitliche und faire Netznutzungsentgelte eingeführt werden, die ein nationales Roaming ermöglichen.

  • 2.3. Der Ausbau moderner 5G-Infrastrukturen soll dazu genutzt werden, veraltete und ineffiziente 3G-Infrastrukturen zu ersetzen. Dadurch können alte Sendemasten für moderne Technik genutzt werden, was deren Akzeptanz erhöht.

3. Wir wollen, dass Rechenzentren umweltgerecht geplant, betrieben und entsorgtwerden:

  • 3.1.Bei der Standortwahl von neuen Rechenzentren soll eine Abwärmenutzung verbindlich berücksichtigt werden.

  • 3.2. Rechenzentren sind vielfach überdimensioniert und arbeiten nur mit geringer Auslastung. Die Planung neuer Rechenzentren muss zukünftig besser am tatsächlichen Bedarf orientiert werden. Durch den Einsatz modularer Konzepte müssen Rechenzentren auch in Teillastbereichen effizienter betrieben werden können.

  • 3.3. Das europäische Gemeinschaftsprojekt zur Schaffung einer sicheren und vertrauenswürdigen Cloud-Infrastruktur (GAIA-X) muss auch beim Klimaschutz ambitionierte Vorgaben machen. GAIA-X-Rechenzentren am Standort Deutschland, müssen daher die Kriterien des Blauen Engels für Rechenzentren erfüllen.

  • 3.4. Die Nachfrage nach energie- und ressourceneffizienter Rechenzentrumsleistung soll erhöht werden. Bund und Länder sollen bei Ausschreibungen von Rechenzentrumsinfrastruktur oder Rechenzentrumsdienstleistungen daher grundsätzlich die Mindestanforderungen des Blauen Engels voraussetzen.

  • 3.5. In Rechenzentren sind grosse Mengen an Hardware untergebracht, die wertvolle Rohstoffe enthalten. Daher müssen Monitoring-Instrumente entwickelt werden, um die Elektronikschrottmengen in Rechenzentren zu überwachen und diese einem geordneten Recycling zuzuführen. Technik, die noch funktionstüchtig ist, sollte wiederverwendet werden.

4. Wir wollen Verbraucher*innen dabei unterstützen, ihren Daten- und Hardwarekonsum zu reduzieren:

  • 4.1. Die Standardauflösung von Videoinhalten soll grundsätzlich an der Grösse des Displays der Endgeräte ausgerichtet sein.

  • 4.2. Das automatische Abspielen (Autoplay) von Videoinhalten auf Webseiten soll standardmässig ausgeschaltet sein.

  • 4.3. Mobilfunkverträge sollen Anreize zur Einsparung von Daten und zur Reduzierung von Elektronikschrott enthalten. Fehlanreize, die zur Erhöhung des Datenvolumens führen, sollen vermieden werden, wie beispielsweise Flatrates für grosse Datenmengen. Stattdessen sollten Kund*innen belohnt werden, die am Monatsende nur wenig Daten verbraucht haben. Weiterhin sollten Fehlanreize vermieden werden, die zum Austausch funktionstüchtiger Endgeräte führen, wie beispielsweise neue Smartphones alle 24 Monate.

Pflicht zur Energiebilanz muss kommen
Die Digitalisierung treibt die Anzahl und die Kapazitäten von Rechenzentren in die Höhe: Schätzungen gehen von einem jährlichen Wachstum von 20 bis 30 Prozent aus. „Deshalb müssen wir jetzt handeln. Damit wir einen Überblick über die Klimawirkungen von digitalen Dienstleistungen gewinnen. Aber auch, damit kein Versorgungsengpass entsteht“, sagt Senior Researcher Jens Gröger, der die Studie für das Öko-Institut durchgeführt hat. „Momentan fliegen digitale Dienste noch unter dem Radar, während andere energieintensive Industrien zum Beispiel schon dem CO2-Emmissionshandel unterliegen.“

CO2-Fussabdruck pro Serviceeinheit
Entscheidend ist, dass Rechenzentren und Cloud-Dienstleister eine Berichtspflicht in Form eines Energieausweises auferlegt bekommen. Mit den Daten kann der CO2-Fussabdruck pro Serviceeinheit errechnet werden. „Bei jeder verkauften Glühlampe muss inzwischen die Energieeffizienz angegeben werden. Aber wie viel Energie verbraucht die Dekodierung einer Sprachnachricht an die Alexa-Sprachbox oder ein Mailpostfach in der Cloud?“, so Gröger. Mit der Rechenmethode „Green Cloud-Computing“, die auf festen Bilanzierungsregeln beruht, könnte dies zukünftig berechnet und von allen digitalen Dienstleistungen angegeben werden.

Text: ee-news.ch, Quelle: Öko-Institut

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1 Kommentare

Max Blatter

Jawohl: Auch im Hinblick auf rechenintensive Technologien wie "Blockchain" ein absolutes Muss!

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